Der unzuverlässige Erzähler ist eine der faszinierendsten Schreibtechniken überhaupt!
Und viele Anfänger schrecken davor zurück, weil sie denken, man braucht jahrelange Erfahrung dafür. Das stimmt nicht. In diesem Artikel zeige ich Dir, wie Du Schritt für Schritt eine Figur erschaffst, die die Geschichte so erzählt, dass die Lesenden zwischen den Zeilen die Wahrheit selbst entdecken. Am Ende wartet eine praktische Übung, die Du sofort umsetzen kannst.
Den unzuverlässigen Erzähler schreiben – das klingt nach einer Technik für Profis. Dabei steckt dahinter ein Prinzip, das Du sofort verstehen und ausprobieren kannst: Deine Figur erzählt die Geschichte so, wie sie sie wahrnimmt oder wahrnehmen will. Und genau dabei schleichen sich Lücken, Widersprüche und Halbwahrheiten ein.
Das Problem vieler Anfänger: Sie denken, dass die Handlung irgendwie komplex oder verwirrend sein muss. Aber nein. Ein unzuverlässiger Erzähler entsteht nicht durch komplizierte Plots, sondern durch eine konsequent einseitige Perspektive.
In diesem Artikel erfährst Du:
- Was ein unzuverlässiger Erzähler ist – und warum er Geschichten so lebendig macht
- 3 konkrete Techniken, die Du sofort anwenden kannst
- Welche typischen Anfänger-Fehler Du vermeidest
- Eine praktische Schreibübung zum Sofort-Ausprobieren
- 1) Was ist der unzuverlässige Erzähler?
- 2) Technik 1: Die selektive Erinnerung – was Deine Figur „vergisst“
- 3) Technik 2: Inkonsistenzen einbauen – der Erzähler widerspricht sich selbst
- 4) Häufige Fehler beim unzuverlässigen Erzähler schreiben
- 5) Schreibübung: Der Abend, der „perfekt“ war
- 6) FAQ: Die häufigsten Fragen zum unzuverlässigen Erzähler
- 7) Die berühmten Schlussgedanken
- 8) Buchempfehlungen
Was ist der unzuverlässige Erzähler?
Ein unzuverlässiger Erzähler (englisch: unreliable narrator) ist eine Erzählstimme, der Du als Lesende nicht vollständig vertrauen kannst. Er erzählt die Geschichte aus seiner eigenen, verzerrten Perspektive – und genau diese Verzerrung ist das Herzstück der Technik.
Das bedeutet nicht, dass Deine Figur absichtlich lügen muss. Die Unzuverlässigkeit kann aus drei verschiedenen Quellen kommen:
- Bewusste Täuschung: Die Figur lügt – um sich zu schützen, jemanden zu manipulieren oder ein Bild von sich aufrechtzuerhalten.
- Unwissenheit: Die Figur hat schlicht nicht alle Informationen und zieht falsche Schlüsse.
- Verzerrte Wahrnehmung: Die Figur glaubt wirklich, was sie erzählt – aber ihre Sicht auf die Welt ist eingeschränkt, traumatisiert oder schlicht subjektiv gefärbt.
Warum ist das so wirkungsvoll? Weil die Lesenden zwischen den Zeilen die echte Geschichte entdecken müssen. Das schafft eine tiefere Verbindung zum Text – und einen befriedigenden „Aha-Effekt“, wenn sich die Wahrheit zusammensetzt.
Technik 1: Die selektive Erinnerung – was Deine Figur „vergisst“
Die einfachste Methode, einen unzuverlässigen Erzähler zu schreiben: Deine Figur erinnert sich selektiv. Sie erzählt detailliert, was sie gut aussehen lässt – und übergeht, was unvorteilhaft ist.
Das Geniale daran ist: Du musst nichts erklären. Die Lücken sprechen für sich.
Beispiel
Deine Figur erzählt, wie sie einen alten Freund nach Jahren trifft. In ihrer Version: Sie hat den Kontakt nie abgebrochen, war immer offen für ein Wiedersehen. Aber beiläufig erwähnt sie: „Ich hab seine Nachrichten damals nicht beantwortet, weil ich gerade viel um die Ohren hatte.“
Der Leser addiert still: Da war mehr. Die Figur sieht es nicht – oder will es nicht sehen.
Tipp
Schreib die „echte“ Version der Szene zuerst für Dich selbst. Was ist wirklich passiert? Dann schreib die Version, die Dein Erzähler erzählt. Zwischen diesen beiden Versionen lebt die Spannung.

Technik 2: Inkonsistenzen einbauen – der Erzähler widerspricht sich selbst
Subtile Widersprüche sind das Handwerkszeug des unzuverlässigen Erzählers. Deine Figur sagt auf Seite 5 etwas – und sagt auf Seite 20 etwas, das dazu nicht ganz passt.
Das funktioniert besonders gut mit Emotionen und Beziehungen. Menschen rationalisieren, verharmlosen, übertreiben – je nach dem, was sie brauchen.
Beispiel
Deine Figur beschreibt ihre Beziehung zu ihrer Mutter als „kompliziert, aber liebevoll“. Später, in einer anderen Szene, beschreibt sie beiläufig, wie die Mutter immer alles besser wusste, immer das letzte Wort hatte, nie zugehört hat. Der Leser spürt: Das ist keine liebevolle Beziehung. Die Figur selbst merkt es nicht.
Tipp
Führ eine einfache Liste der wichtigsten Beziehungen und Überzeugungen Deiner Figur. Bau dann an zwei Stellen im Text kleine Widersprüche ein – nicht als Handlungswendung, sondern als beiläufige Details.
Technik 3: Die Sprache verrät mehr als die Handlung
Der stärkste Hinweis auf einen unzuverlässigen Erzähler steckt oft nicht im WAS, sondern im WIE. In der Wortwahl, im Ton, in dem, was die Figur betont oder herunterspielt.
Eine Figur, die andere Menschen systematisch abwertet, hat selbst etwas zu verbergen. Eine Figur, die sich ständig rechtfertigt, spricht damit unbewusst aus, dass sie sich selbst nicht sicher ist.
Beispiel
Deine Figur erzählt von einem Streit mit ihrem Partner. Sie benutzt immer „er“ als Subjekt der Sätze: „Er hat angefangen. Er hat das Glas hingeschmissen. Er hat mich angeschrien.“ Niemals: „Ich habe gesagt ...“ oder „Ich habe auch ...“
Der Leser fragt sich automatisch: Was hat die Figur selbst gesagt? Was hat sie getan? Die Sprache selbst zeigt die blinden Flecken.
Tipp
Lies Deinen Abschnitt laut vor. Wer ist das Subjekt in jedem Satz? Welche Wörter wiederholt Deine Figur auffällig? Welche Emotionen werden nie benannt, obwohl die Situation sie erwarten würde?

Häufige Fehler beim unzuverlässigen Erzähler schreiben
Diese Stolpersteine begegnen mir immer wieder – und alle sind gut zu vermeiden, wenn Du sie kennst.
1. Der Erzähler ist zu offensichtlich unzuverlässig
Wenn die Figur bei jeder Gelegenheit schreit „Ich lüge hier nicht, ehrlich!“, verliert die Technik ihre Kraft. Subtilität schlägt Eindeutigkeit.
2. Du erklärst dem Leser zu viel
Vertrau auf Deine Leser. Du musst nicht in einer Fußnote schreiben: „Hier irrt die Figur.“ Die Hinweise im Text reichen – wenn Du sie konsequent gesetzt hast.
3. Der Erzähler ist inkonsistent ohne Absicht
Ein Widerspruch wirkt nur, wenn er zur Figur passt. Zufällige Fehler in der Handlung sind Plotlöcher – keine erzählerische Technik.
4. Kein „Rahmen“ der Wahrheit ist erkennbar
Deine Lesenden müssen eine Ahnung haben, was wirklich passiert – auch wenn es nie ausgesprochen wird. Wenn alles unklar ist, entsteht Frustration statt Spannung.
5. Die Figur hat keinen Grund für die Unzuverlässigkeit
Frag Dich: Warum erzählt meine Figur die Geschichte so? Aus Scham? Aus Angst? Um jemanden zu schützen? Je klarer die Motivation, desto überzeugender die Verzerrung.
Schreibübung: Der Abend, der „perfekt“ war
Schreib eine kurze Szene (300–500 Wörter) aus der Ich-Perspektive einer Figur, die einen Abend mit Familie oder Freunden beschreibt – und dabei behauptet, alles sei wunderbar gewesen.
Die Bedingungen:
- Deine Figur glaubt (oder behauptet zu glauben), dass alles toll war.
- Der Leser soll zwischen den Zeilen erkennen: Es war alles andere als toll.
- Deine Figur darf die Wahrheit nie direkt aussprechen.
Arbeite mit mindestens zwei der drei Techniken aus diesem Artikel: selektive Erinnerung, Inkonsistenz oder verräterische Sprache.

FAQ: Die häufigsten Fragen zum unzuverlässigen Erzähler
Muss der unzuverlässige Erzähler immer ein Ich-Erzähler sein?
Nein – aber der Ich-Erzähler ist die natürlichste Wahl, weil er per Definition nur das sieht und weiß, was er sieht und weiß. Das schafft automatisch eine begrenzte Perspektive. Technisch ist unzuverlässiges Erzählen auch mit personalem Erzähler möglich, bei dem die Geschichte nah an einer einzigen Figur bleibt. Entscheidend ist nicht die grammatikalische Person, sondern die konsequent eingeschränkte und verzerrte Wahrnehmung. Für Anfänger empfehle ich dennoch die Ich-Perspektive: Sie zwingt Dich, in der Figur zu bleiben – und das ist die wichtigste Übung.
Wie lange dauert es, diese Technik zu lernen?
Mit einer einzigen Übung kannst Du die Grundidee begreifen. Mit fünf bis zehn Kurzgeschichten beherrschst Du die Technik so weit, dass sie bewusst und kontrolliert eingesetzt werden kann. Der Schlüssel ist: schreiben, lesen, analysieren. Lies Bücher, die unzuverlässige Erzähler nutzen und frag Dich an jeder Stelle: Welche Informationen behält die Figur zurück? Wie verrät die Sprache, was sie verschweigt? Dieses aktive Lesen beschleunigt das Lernen mehr als jeder Ratgeber.
Was ist der Unterschied zwischen einem unzuverlässigen Erzähler und einem, der einfach irrt?
Ein Erzähler, der sich irrt, hat schlicht nicht alle Informationen – und das ist völlig normal. Ein unzuverlässiger Erzähler hat ein tieferes Problem: Er filtert, verfälscht oder verschweigt aktiv, auch wenn ihm das nicht bewusst ist. Das Entscheidende ist die Funktion im Text: Wenn der Irrtum zufällig wirkt, ist es ein Erzählfehler. Wenn der Irrtum eine tiefere Wahrheit über die Figur und die Handlung enthüllt, ist es unzuverlässiges Erzählen. Frag Dich: Verrät das, was meine Figur falsch erzählt, etwas Wichtiges über sie? Wenn ja – Du bist auf dem richtigen Weg.
Wie übe ich den unzuverlässigen Erzähler am besten?
Fang klein an: Schreib eine einzige Szene, nicht eine ganze Geschichte. Wähle eine alltägliche Situation – ein Gespräch, ein Abendessen, eine Begegnung auf der Straße – und erzähle sie aus der Perspektive einer Figur, die irgendeinen Grund hat, die Dinge schönzureden oder zu verzerren. Schreib danach dieselbe Szene noch einmal aus der Perspektive einer anderen Figur, die die Wahrheit sieht. Der Vergleich zeigt Dir sofort, ob Deine Hinweise im ersten Text ausreichen.
Wie lang sollte eine Szene mit unzuverlässigem Erzähler sein?
Die Technik funktioniert bereits ab 300 Wörtern – also schon in einer sehr kurzen Szene. Für Anfänger empfehle ich, mit 400–600 Wörtern zu starten. Das ist lang genug, um zwei bis drei Hinweise zu setzen, und kurz genug, um die Kontrolle über Deine Figur zu behalten. In einer längeren Geschichte ab 2.000 Wörtern kannst Du die Unzuverlässigkeit langsam steigern – aber das erfordert mehr Planung. Fang klein an: Eine einzige Szene, eine einzige Verzerrung. Das reicht, um das Prinzip wirklich zu verstehen.
Die berühmten Schlussgedanken
Einen unzuverlässigen Erzähler schreiben – das ist keine komplizierte Wissenschaft. Es ist eine Einladung, Deiner Figur eine eigene, verzerrte Wahrheit zu geben.
Das Wichtigste in drei Sätzen:
- Deine Figur muss einen Grund haben, die Dinge so zu sehen, wie sie sie sieht.
- Die Wahrheit steckt in den Lücken, Widersprüchen und der Sprache – nicht in dem, was ausgesprochen wird.
- Subtilität schlägt Erklärung. Vertrau auf Deine Lesenden.
Jetzt bist Du dran: Probiere die Schreibübung aus dem Artikel aus! Schreib den „perfekten Abend“ – und lass Deine Lesenden zwischen den Zeilen lesen.
Hast Du schon einmal mit einem unzuverlässigen Erzähler gearbeitet? Schreib mir in die Kommentare, welche Herausforderung Dir dabei begegnet ist!
Viel Spaß! Und „Happy writing“!
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