Schreibübung #12: Der allwissende Fremde

05. September 2025 | Schreibübungen

Plot-Turbo gefällig?
Woah! Ein Fremder setzt sich zu Dir, flüstert Geheimnisse und kennt Deine Geschichte besser als Du selbst. Mit dieser Schreibübung lernst Du, Spannung, Wendung und Charakter-Reaktionen in nur sechs Schritten zu schreiben.

Willkommen zur nächsten Schreibübung. Folgende Szene: Du sitzt in Deinem Lieblingscafé, ganz entspannt, der Cappuccino dampft, Du kritzelst ein paar Gedanken in Dein Notizbuch. Alles ganz harmlos. Und dann das: Ein wildfremder Mensch setzt sich zu Dir, schaut Dich direkt an und sagt: „Ich kenne Dich schon Dein ganzes Leben lang.“

Bitte was?!

Klingt wie der Anfang eines Films, oder? Vielleicht ein Psychothriller. Oder ein romantisches Drama. Oder ein Science-Fiction-Plot über Reinkarnation, Gedächtnislöschung oder das Multiversum. Egal welches Genre – eins ist sicher: Diese Szene hat Spannungspotenzial. Und genau deshalb wird sie zur perfekten Schreibübung.

Diese Schreibübung hilft Dir dabei, Deine Figuren besser kennenzulernen, spannende Dialoge zu schreiben, mit plötzlichen Konflikten umzugehen und ganz nebenbei Deine Fantasie ordentlich auf Trab zu bringen. Du brauchst keine perfekte Idee, keinen ausgeklügelten Plot. Nur eine Figur, einen Fremden und ein bisschen Mut, Dich einfach mal treiben zu lassen.

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In diesem Artikel nehme ich Dich an die Hand und zeige Dir Schritt für Schritt, wie Du diese Szene spannend, unterhaltsam und ganz nach Deinem Stil umsetzen kannst. Bereit? Dann los!

Warum diese Schreibübung so gut ist (und Du sie unbedingt ausprobieren solltest)

Ja, ich weiß. Es gibt unzählige Schreibübungen da draußen. Warum also gerade diese hier?

Ganz einfach: Weil sie alles hat, was eine gute Szene braucht. Geheimnisse, Spannung, eine Prise Wahnsinn – und viel Raum für Deine Kreativität. Du lernst, wie:

  • Figuren auf unerwartete Situationen reagieren (Spoiler: nicht immer rational)
  • Du Konflikte erschaffst, ohne gleich eine Weltuntergangsgeschichte zu schreiben
  • Dialoge entwickelt werden, die nicht klingen wie aus dem Lehrbuch
  • Du mit Andeutungen Spannung aufbaust, ohne gleich alles zu erklären

Diese Schreibübung zwingt Dich dazu, Deine Figur spontan agieren zu lassen. Kein Plan, kein Sicherheitsnetz, einfach ins kalte Wasser. Und das ist gar nicht schlimm. Im Gegenteil: So entstehen oft die besten Szenen.

Du bist noch ganz am Anfang mit dem Schreiben? Umso besser! Diese Schreibübung braucht kein Vorwissen. Alles, was Du brauchst, ist eine Figur in Deinem Kopf und die Bereitschaft, sie in eine wirklich schräge Situation zu werfen.

Schreibübung Der Fremde

Schritt-für-Schritt-Anleitung: So entwickelst Du Deine Szene

#1 Erfinde Deine Hauptfigur

Du brauchst keine komplette Biografie. Aber ein paar Fragen solltest Du Dir stellen:

  • Wer ist Deine Figur? (Alter, Beruf, Stimmung, Hintergrund)
  • Was weiß sie über sich selbst? (Oder glaubt sie zu wissen?)
  • Wie ist ihr Alltag? (Routine ist der beste Kontrast zum Ungewöhnlichen)

Tipp: Stell Dir jemanden vor, den Du kennst. Eine Kollegin, Dein Nachbar, Deine eigene innere Stimme nach dem dritten Kaffee.

Gib Deiner Figur etwas Alltägliches – das macht den Moment mit dem Fremden umso seltsamer.

#2 Die erste Begegnung

Jetzt wird’s spannend. Der Moment, in dem der Fremde auftaucht. Und nein, er muss nicht gleich wie ein Wahrsager mit wallendem Mantel auftreten (aber wenn Du willst, warum nicht?).

Fragen für Dich:

  • Wo passiert die Szene? (Je öffentlicher, desto unangenehmer.)
  • Wie sieht der Fremde aus? (Unauffällig? Merkwürdig? Bekannt?)
  • Was genau sagt er? (Ein einzelner Satz kann reichen: „Ich kenne Dich seit Deiner Geburt.“)

Und dann? Dann schweigt er vielleicht. Oder er redet weiter. Oder er starrt einfach. Dir stehen alle Optionen offen.

#3 Die Reaktion Deiner Figur

Jetzt geht es um die Frage: Wie reagiert Deine Figur auf diesen Moment? Denk dran, Du musst nicht gleich einen Nervenzusammenbruch schreiben (außer Du willst).

Mögliche Reaktionen:

  • Unglaube: „Wer sind Sie bitte?!“
  • Angst: Flucht, Herzrasen, innere Panik
  • Wut: „Was soll der Mist?“
  • Interesse: „Wie meinen Sie das?“
  • Ironie: „Kennen Sie auch mein Lieblingsessen?“

Zeig sowohl die innere Reaktion (Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen) als auch die äußere (Was sagt sie? Was tut sie?).

Und denk dran: Auch Schweigen ist eine Reaktion. Ein stummes Weggehen kann stärker wirken als ein wütender Monolog.

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#4 Der Dialog

Jetzt kommt das Herzstück: Der Austausch zwischen Figur und Fremdem. Hier kannst Du Spannung aufbauen, Tempo erzeugen und gezielt mit Informationen spielen.

Ein paar Tipps:

  • Halte die Sätze kurz: Je emotionaler, desto knapper.
  • Lass Fragen offen: Der Fremde muss nicht alles erklären.
  • Spiel mit Andeutungen: Der Fremde sagt etwas, das nur Deine Figur verstehen kann
  • Vermeide Erklär-Bla-Bla: Kein Mensch sagt im echten Leben: „Ich bin aus dem Jahr 2135 gereist, um Dir von Deinem Schicksal zu erzählen.“ – Es sei denn, Deine Figur ist genau so schräg.

#5 Die Wendung

Jetzt kommt der Twist. Irgendwas muss passieren, das Deine Figur (und Deine Leser) aus der Bahn wirft.

Ein paar Ideen:

  • Der Fremde kennt ein Geheimnis aus der Kindheit der Figur
  • Er zeigt ihr ein altes Foto von ihnen beiden
  • Er nennt einen Namen, den niemand kennen kann
  • Oder er sagt einfach gar nichts mehr und geht wieder

Wichtig: Die Wendung muss etwas verändern. Die Figur denkt anders, fühlt anders, ist verunsichert. Oder neugierig. Oder total überfordert.

#6 Abschluss der Szene

Wie endet das Ganze? Das ist Deine Entscheidung.

  • Ein abruptes Ende? (Der Fremde verschwindet spurlos.)
  • Ein Cliffhanger? (Deine Figur folgt ihm.)
  • Ein Bruch? (Sie bricht zusammen, ruft jemanden an, ändert etwas an ihrem Leben.)

Und falls Du Lust hast: Schreib die Szene nochmal aus Sicht des Fremden.

Schreibübung Cafe Der Fremde

Varianten und Erweiterungen

Dir reicht die Szene nicht? Super! Dann bau sie aus oder verändere sie.

Für Fortgeschrittene

  • Der Fremde behauptet, die Figur sei Teil eines Experiments
  • Er kennt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft
  • Es gibt Verbindungen zu einem echten historischen Ereignis

Genre-Spielereien

  • Krimi: Der Fremde ist ein Zeuge eines alten Falls
  • Fantasy: Der Fremde stammt aus einer Parallelwelt
  • Romantik: Es ist die Liebe aus einem früheren Leben
  • Horror: Der Fremde behauptet, die Figur sei tot – seit Jahren

Je nach Genre kannst Du die Szene völlig anders aufziehen. Gleicher Anfang, andere Richtung.

Was Du durch diese Schreibübung lernst

Diese Szene ist nicht nur spannend, sondern auch ein echtes Trainingslager für Dein Schreiben. Du übst:

  • Charakterentwicklung in Echtzeit: Wie verändert sich Deine Figur?
  • Dialoge schreiben: Authentisch, spannend, ohne Kitsch
  • Konflikte ohne Explosionen: Nicht jeder Knall braucht eine Bombe
  • Subtext verstehen: Was sagen die Figuren nicht?
  • Atmosphäre schaffen: Mit wenigen Worten eine dichte Stimmung erzeugen

Und das alles, ohne 500 Seiten zu schreiben. Nur eine Szene. Vielleicht 500 bis 1000 Wörter. Mehr brauchst Du nicht.

Schreibübung SciFi Der Fremde

Schreibimpulse & Fragen zur Inspiration

Falls Du feststeckst oder einfach ein bisschen Starthilfe brauchst:

Was-wäre-wenn-Fragen

Was, wenn …

  • der Fremde sich irrt – aber Deine Figur wünscht, er hätte recht?
  • der Fremde aus der Zukunft kommt?
  • die Figur sich an nichts erinnern kann – aber der Fremde alles weiß?
  • die Figur selbst etwas verdrängt hat?
  • der Fremde der Leser ist? (Meta, ich weiß.)

Nimm Dir eine Frage raus und schreib einfach drauflos. Kein Perfektionismus. Kein innerer Kritiker. Nur Du, Deine Figur und ein Fremder mit einem seltsamen Geheimnis.

Die berühmten Schlussgedanken

So, jetzt kennst Du sie: Eine der besten Schreibübungen, die Du machen kannst, wenn Du Deine Figuren besser verstehen, Deine Dialoge schärfen und Deine Leser direkt in eine Szene katapultieren willst.

Diese Schreibübung ist wie ein Schnellkochtopf für Dein Schreiben: kurz, intensiv, wirkungsvoll.

Also los: Nimm Dir 30 Minuten. Erfinde eine Figur. Lass sie auf diesen Fremden treffen. Und dann: Schreib. Einfach so. Ohne Anspruch auf Perfektion, aber mit ganz viel Neugier.

Und wenn Du magst: Teile Deine Szene mit mir und anderen, gerne in den Kommentaren. Hauptsache, Du bleibst dran.

Denn wer weiß? Vielleicht kennt Dich auch jemand schon Dein ganzes Leben lang. Und wartet nur auf Deine Geschichte.

„Happy writing“!

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Sven

Autor & Schreibcoach

Sven lebt in Südniedersachsen und hat den Sprung ins Ungewisse gewagt, um Träume in Worte zu fassen. Aus einem stillen Verlangen wurde eine Leidenschaft: Geschichten zu erschaffen, die berühren, unterhalten und zum Nachdenken anregen.

Mit seinem Buch „Hilfe! Ich werde Schriftsteller“ und dem Blog „Kreative Schreibwelt“ begleitet er Dich auf Deiner eigenen Reise zum Autor. Hier teilt er nicht nur Techniken und Erfolge, sondern vor allem die echten Zweifel und Herausforderungen auf dem Weg.

Denn Schreiben ist mehr als nur Worte aufs Papier zu bringen: Es ist Dein Abenteuer!

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